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Tuberkulose – neue Herausforderungen durch eine bekannte Erkrankung

Nicht nur neuauftretende Infektionskrankheiten stellen uns vor Herausforderungen. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der Tuberkulose, die jährlich zahlreiche Todesoper fordert und erhebliche ökonomische Kosten verursacht. In einem gemeinsam von der Zoonosenplattform und der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen veranstalteten Workshop am 28. April 2022 wurden aktuelle Herausforderungen durch die bereits lange bekannte Erkrankung thematisiert.

Tuberkulose_Workshop

Tuberkulose (TB) wird durch verschiedene Bakterien, die dem Mycobacterium tuberculosis-Komplex (MTC) zugeordnet werden, verursacht. Neben dem Menschen können sich auch zahlreiche weitere Tierspezies mit den Bakterien infizieren. Dementsprechend ist die ganzheitliche Betrachtung der Tuberkulose durchaus sinnvoll. Das Programm des Workshops, der online stattfand, wurde daher durch einen Humanmediziner, einen Veterinärmediziner sowie durch einen Grundlagenforscher aus dem Bereich der Impfstoffforschung gestaltet. Die Relevanz des Themas spiegelte sich in der hohen Teilnehmerzahl von über 200 Personen wider.

Rindertuberkulose – aus den Augen aus dem Sinn

In seinen 12 Jahren als Akademischer Direktor am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und Leiter der Abteilung für Tierische Infektionskrankheiten hat die TB Prof. Mathias Büttner stets begleitet. Nach seiner Pensionierung beschäftigt ihn die Erkrankung als Gastprofessor an der Universität Leipzig weiterhin, sodass er der ideale Referent war, um die Veranstaltung mit einem kurzen Abriss der weit zurückreichenden evolutionären Geschichte von MTC Bakterien einzuleiten. Aus Sicht der Veterinärmedizin haben Mycobacterium (M.) bovis und M. caprae die größte Bedeutung. Die Rindertuberkulose ist eine anzeigepflichtige Tierseuche in Deutschland. Die Fallzahlen sind jedoch rückläufig und mit zehn gemeldeten M. bovis-Fällen in Deutschland in 2021 und drei zoonotischen Übertragungen, gilt Deutschland offiziell als Rindertuberkulose frei. Doch diese geringen Fallzahlen bergen auch das Risiko, dass die Vorsicht gegenüber der Erkrankung nachlässt und Fälle womöglich nicht adäquat diagnostiziert werden. Hierbei kommt erschwerend hinzu, dass die TB Diagnostik beim Rind durchaus herausfordernd sein kann. Gängige Methoden sind zum einen der Tuberkulin-Hautfaltentest sowie Interferon gamma (IFNγ) - Tests. In beiden Fällen gibt es nur ein bestimmtes Zeitfenster, in denen die Nachweisverfahren angewendet werden können, und auch in der Interpretation des Hautfaltentests gibt es einen gewissen Ermessenspielraum, der Erfahrungen bei der durchführenden Person erforderlich macht. Im Alpenraum kann es zur Erregerübertragung von Rotwild auf Rinder kommen, aber auch Wildschweine und verschiedene Nagetiere konnten als Wildtierreservoir für die Erkrankung identifiziert werden. Zudem wurden Mykobakterien in Umweltproben gefunden. Die Übertragung von M. bovis und M. caprae auf den Menschen kann über Rohmilchprodukte oder sehr engen Kontakt zu infizierten Tieren erfolgen. Um diese Ereignisse auf ihrem aktuellen niedrigen Niveau in Deutschland zu halten, ist die Weitergabe des Diagnostik-Wissens sowie eine Sensibilisierung für die Erkrankung entscheidend. Insbesondere da beispielsweise bei ca. 30% der humanen M. caprae Infektionen extrapulmonale Manifestationen zu beobachten sind, die oft zu Fehldiagnosen führen. Zudem sollten neue Infektionsrisiken, wie beispielsweise durch in Deutschland populär werdende Neuwelt-Kameliden (Bsp. Lamas, Alpakas), nicht außer Acht gelassen werden. In vielen Regionen der Welt ist die TB Inzidenz in Tierbeständen nach wie vor hoch.

Beunruhigende globale Lage

Die meisten humanen TB Fälle sind auf eine direkte Mensch-zu-Mensch Übertragung zurück zu führen und vor allem auf Regionen mit hoher Armut und Bevölkerungsdichte konzentriert. Dr. Christian Herzmann, der langen Zeit am Studienzentrum Borstel tätig war und mittlerweile im Infektionsschutz des Gesundheitsamtes in Bad Segeberg seine Expertise einbringt, verdeutlichte die dramatische globale Lage: in 2021 waren 10 Millionen Neuinfektionen sowie 1,5 Millionen Todesfälle durch TB zu beklagen (Quelle: WHO), und das obwohl die Erkrankung meist medikamentös behandelbar ist. Die COVID-19 Pandemie hat die Situation noch einmal negativ beeinflusst, da beispielsweise Therapien unterbrochen wurden. Die Diagnostik erfolgt ähnlich wie in der Veterinärmedizin über den Tuberkulin-Hauttest oder IFNγ Release Assays (IGRA), wobei letztere nur für die Diagnostik latenter TB Infektionen geeignet sind.

Herausförderungen für den ÖGD durch Kriegsflüchtlinge

Wie im Veterinärbereich ist TB auch in der Humanmedizin in Deutschland eine seltene Erkrankung mit aktuell ca. 4000 gemeldeten Fällen pro Jahr. Allerdings könnte diese Zahl durch die aktuelle Flüchtlingswelle aus der Ukraine wieder ansteigen, da die Inzidenz der Erkrankung in der Ukraine etwa 10fach höher als in Deutschland ist und die systematische Untersuchung Geflüchteter auf Lungentuberkulose in der aktuellen Ausnahmesituation nicht im Sinne des Infektionsschutzgesetztes stattfindet. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass TB eine langsame Erkrankung ist und in Röntgenuntersuchungen erst nach einer gewissen Zeit nach Infektion detektierbar ist. Geflüchtete aus der Ukraine müssen sich zudem erst 90 Tage nach Einreise offiziell melden. Somit sind die Aufenthaltsorte der Geflüchteten nicht immer bekannt und gezielte Angebote zur TB Diagnostik kaum möglich. Aus medizinischer Sicht ist insbesondere die hohe Rate an MDR (multi drug resistant)-Tuberkulosefällen in der Ukraine bedenklich, da dessen Therapie unweit kosten- und zeitintensiver ist. Hinzu kommt, dass ähnlich wie in der Veterinärmedizin, die Expertise für die selten gewordenen Erkrankung im Gesundheitssystem gering ist. Eine erneute Sensibilisierung für die Thematik ist daher insbesondere im Zusammenhang mit den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine erstrebenswert.

Entwicklung eines One Health Impfstoffes

Eine Lösung für die TB Problematik in der Human- und Veterinärmedizin könnte ein potenter Impfstoff sein. Aktuell ist lediglich ein Impfstoff zugelassen: der Bacillus Calmette-Guérin (BCG) Impfstoff. Die Impfung kann bei Säuglingen und Kleinkindern schwere und komplizierte Krankheitsverläufe verhindern. Allerdings schützt sie nicht ausreichend vor einer Infektion oder vor einer Erkrankung bei Erwachsenen. Sie wird daher nur in Ländern mit hohen Inzidenzraten eingesetzt. Dr. Björn Corleis, Immunologe und Laborleiter am Friedrich-Loeffler-Institut, gehört zu den zahlreichen Forschern weltweit, die versuchen, einen wirksameren TB-Impfstoff zu entwickeln. Dabei setzt sich Dr. Corleis für eine One Health Vakzine ein, die nicht nur Menschen sondern auch Tiere schützen soll. Somit könnten auch Todesopfer durch zoonotische Übertragungen (ca. 12000 jährlich, Global tuberculosis report 2020, WHO) verhindert werden und das indirekte Leid der Erkrankung, was durch ihre ökonomischen und sozialen Folgen entsteht, wirksam reduziert werden. Aktuell konzentriert sich der Forscher in einem Projekt, welches auf einem Pilotprojekt der Zoonosenplattform aufbaut, auf die unterschiedlichen Aufnahmen des gewählten Impfvektors in Immunzellen verschiedener Spezies. Wann mit einem potenten Impfstoff gegen TB zu rechnen ist, steht aktuelle noch in den Sternen. Die rasante Geschwindigkeit mit der die Welt COVID19-Impfstoffe zur Verfügung standen, ist leider nicht für jeden Erkrankung Realität.

Neue Herausforderungen

In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmenden beantworteten die Referenten zahlreiche Nachfragen zu Ihren Vorträgen und der interdisziplinäre Austausch wurde bereitwillig angenommen. Die Veranstaltung machte deutlich, dass Tuberkulose trotz der verhältnismäßig geringen Fallzahlen in Deutschland nach wie vor ein wichtiges Gesundheitsthema ist. Dies gilt insbesondere in Anbetracht der Flüchtlingswelle aus der Ukraine, dem Auftreten resistenter Bakterienstämme und der Ermangelung eines effizienten Impfstoffes. Eine ganzheitliche Betrachtung der Erkrankung im Sinne von One Health kann langfristig sowohl in der Bekämpfung als auch in der Impfstoffforschung von Vorteil sein.

Text: Dr. Dana A. Thal

Weiterführende Links:

Zoonose des Monats – Tuberkulose

Labor für Mukosale Immunologie und Vakzinologie, Friedrich-Loeffler-Institut

Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum

Informationen zu Tuberculose der WHO (in Englisch)

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