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Zoonosen sind divers

Das Symposium der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen in 2021 brachte erneut hunderte Forscher*innen zum fachlichen Austausch zusammen

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Unter dem Titel „Zoonoses 2021: From Disease Ecology to SARS-CoV-2” fanden sich vom 13. bis zum 15. Oktober 2021 über 300 Zoonosenforscher*innen online zusammen, um aktuelle Forschungsergebnisse miteinander zu teilen. Die große Breite an Themen reflektierte dabei das diverse Forschungsfeld und zeigte einmal mehr die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit, um nachhaltige Erfolge in der Erforschung, Bekämpfung und Prävention von Zoonosen erzielen zu können.

 

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet ein zoonotischer Erreger ist, der die Zoonosenforscher*innen in Deutschland aktuell noch davon abhält sich persönlich zusammenzufinden. Glücklicherweise bietet die Digitalisierung Alternativen und so konnte auch 2021 wieder das große Treffen der Zoonosenforschung in Deutschland online stattfinden. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Prof. Dr. Martin H. Groschup, Leiter der Zoonosenplattform am Standort Greifswald. Er betonte die Kraft, welche die Zoonosenforschung aus Ihrer Interdisziplinarität schöpft, und die Notwendigkeit diese in den kommenden Jahren noch weiter auszubauen. Eine Aussage, die auch im Grußwort der Ministerien, gehalten von Generalstabsarzt Dr. Hotherm, Abteilungsleiter am Bundesministerium für Gesundheit (BMG), wiederzufinden war.

 

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Abbildung 1: Prof. Dr. Martin H. Groschup eröffnete Zoonoses 2021 im Namen der Geschäftsstelle der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen, Foto: ZOOP

Das Programm des Symposiums umfasste Keynote-Vorträge, eine virtuelle Posterausstellung, einen Posterslam für Nachwuchswissenschaftler*innen, sowie verschiedene thematische Session, in denen in Kurzvorträgen neue Daten aus der Zoonosenforschung präsentiert wurden. Insgesamt präsentierten knapp 140 Forschende ihre Arbeiten auf dem Symposium. Dabei waren Antimikrobielle Resistenzen in Hausschweinen genauso Thema wie der Einfluss klimatischer Veränderungen auf Stechmücken in Nepal. Mit den fünf Keynote-Vorträgen wurde noch einmal die Aufmerksamkeit auf fünf unterschiedliche Themenbereiche der Zoonosenforschung gelenkt.

PosterExhibition_Zoonoses2021_Fig2Abbildung 2: Die virtuelle Posterausstellung bot mehr als 70 Forschenden die Gelegenheit ihre Arbeiten zu präsentieren und mit Kolleg*innen zu diskutieren. Foto: ZOOP

I. Die Bedeutung endemischer Infektionskrankheiten

Aktuell erleben wir die verheerenden Auswirkungen, die ein pandemischer Erreger auf die Gesellschaft haben kann. Aber auch endemische Zoonosen können von großer Bedeutung sein, wie Prof. Dr. Sarah Cleaveland von der University of Glasgow anhand ihrer Forschungsergebnisse aus Tansania belegte. Dabei blieben endemische Erreger oft unterhalb des Radars, was zu einem „cycle of neglect“ führen könne: fehlende Daten führen zu einem fehlenden Bewusstsein für die Erkrankung, was wiederrum zu fehlenden Investitionen führt. womit sich der Kreis schließt. Sie warb in ihrem Vortrag darum, die Surveillance für endemische und neuauftretende Erreger miteinander zu koppeln, um so Kapazitäten bestmöglich zu nutzen. Dabei sei die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort der Schlüssel zu mehr Gleichheit in der globalen Gesundheit.

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Abbildung 3: Prof. Sarah Cleaveland (links) im Austausch mit Dr. Kerstin Fischer (rechts), welche die Diskussionsrunde mit der Vortragenden moderierte, Foto: ZOOP

II. Der Zusammenhang zwischen Biodiversität und Zoonosen

Einen weiteren wichtigen Aspekt der Zoonosenforschung behandelte Dr. Chelsea Wood von der University of Washington in ihrer Forschung. Sie setzt sich in ihrer Arbeit mit dem Zusammenhang von Zoonosen und Biodiversität auseinander. Was auf den ersten Blick relativ einfach klingt, ist es bei näherer Betrachtung nicht. Denn Biodiversität beschreibt ein sehr komplexes System, für das es keine einzelne Messgröße gibt. Um sich der Fragestellung dennoch wissenschaftlich nähern zu können, abstrahierten Dr. Wood und ihre Kolleg*innen für eine globale Studie den Parameter „Biodiversität“ mit unterschiedlichen Messgrößen wie Urbanisierung, Bevölkerungsdichte, Anzahl Vögel- und Säugetierspezies und Bewaldung. Am Ende kamen die Wissenschaftler*innen zu dem Ergebnis, dass sich aus den Daten keine allgemeinen Aussagen zu allen Erregern ableiten lassen [1]. Was auf den ersten Blick enttäuschen mag, ist auf den zweiten nur logisch. Zoonosen unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich der Art ihrer Erreger, sondern auch in Bezug auf Übertragungswege und Wirtspopulationen. Dementsprechend vielfältig können die Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes auf ihre Verbreitung sein. Dementsprechend müssen für individuelle Szenarien, individuelle Lösungen gefunden werden. Unstrittig bleibt aber, dass die Zerstörung der Natur und Landnutzungsänderungen Auswirkungen auf das Vorkommen von Zoonosen haben werden.

III. Die Komplexität zoonotischer Übertragungswege

Ein weiteres komplexes Themengebiet der Zoonosenforschung war Teil des Vortrags von Prof. Dr. José de la Fuente vom Instituto de Investigación en Recursos Cinegéticos (IREC): zoonotische Übertragungswege. Er und sein Team forschen zur Rolle von Arthropoden als Vektoren und in wie weit die Übertragung von Antigenen durch Ektoparasiten die Immunität gegenüber Infektionskrankheiten beeinflussen kann. Hierbei steht insbesondere das Zuckermolekül α-Gal (Galα1-3Galβ1-(3)4GlcNAc-R) im Fokus seiner Arbeiten [2]. Der Vortrag veranschaulichte eindrücklich, wie vielschichtig die Ökologie von zoonotischen Transmissionswegen sein kann und wie viele unterschiedliche Parameter es zu beachten gilt, und seien es auch nur einzelne Moleküle.

IV. Immunität und Impfstoffforschung

Ein wichtiges Mittel in der Bekämpfung von Zoonosen sind Impfstoffe. Prof. Florian Krammer, Immunologe an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, stellte Ergebnisse seines Teams zur Immunantwort auf die COVID-19 Impfstoffe vor. Dabei untersuchten sie sowohl wie lange die gebildeten Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachweisbar blieben, als auch die Rolle von nicht-neutralisierenden Antikörpern in der Immunantwort gegen den Erreger. Nach diesem wissenschaftlichen Teil seines Vortrages, nutze Prof. Krammer die verbleibende Zeit, um mit seinem Publikum eine Idee zur beschleunigten Impfstoffentwicklung zu teilen, die helfen könnte, besser auf neuauftretende Viren vorbereitet zu sein. Solch eine Strategie würde zwar einige Kosten mit sich bringen, könnte aber Folgekosten einer Pandemie einsparen. Es sei an der Gesellschaft zu entscheiden, wo Gelder am sinnvollsten eingesetzt werden könnten.

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Abbildung 4: Prof. Dr. Florian Krammers teilte mit den Teilnehmer*innen von Zoonoses 2021 Daten zur menschlichen Immunantwort auf SARS-CoV-2, Foto: ZOOP

V. Die stille Pandemie der Antimikrobiellen Resistenzen

Während die SARS-CoV-2 Pandemie Coronaviren zu einem wichtigen Thema in der Gesellschaft gemacht hat, ist die Aufmerksamkeit, die aktuell antimikrobiellen Resistenzen (AMR) entgegengebracht wird, vergleichsweise gering. Dabei kann der exzessive globale Einsatz von Antibiotika in der Human- und Veterinärmedizin sowie in der Landwirtschaft dazu führen, dass wir uns bald wieder in Vor-Antibiotika-Zeiten wiederfinden, so Prof. Dr. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Dieses menschengemachte Problem müsse nun in globaler Zusammenarbeit angegangen werden. Als Grundlage für Maßnahmen sei eine solide Datengrundlage notwendig sowohl zum Vorkommen von Resistenzen als auch zum Einsatz von Antibiotika.  Wie bei vielen Public Health Aufgaben sei es auch hier an der Zeit, zu präventiven Maßnahmen zu kommen.

Ob Biodiversitätsverlust, AMR oder Impfstoffentwicklung, Zoonoses 2021 hat gezeigt, wie divers die Herausforderungen für die Zoonosenforschung der Zukunft sein werden. Umso erfreulich war die Erkenntnis, wie viele wertvolle Forschungsergebnisse in Deutschland bereits generiert werden konnten. Das Symposium stimmt zuversichtlich, dass durch eine unter dem Dach der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen breit vernetzte Community auch kommende Aufgaben adressiert werden können.

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Abbildung 5: Hinter den Kulissen - die Geschäftsstelle der Zoonosenplattform und die Mitarbeiter*innen von der Orgalution GmbH, Foto: ZOOP

Die Geschäftsstelle der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen bedankt sich an dieser Stelle bei allen Beteiligten vor und hinter der Kamera!

 

Text: Dr. Dana A. Thal für die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen

 

Literatur:

1.            Young, H.S., et al., Conservation, biodiversity and infectious disease: scientific evidence and policy implications. 2017. 372(1722): p. 20160124.

2.            de la Fuente, J., et al., The alpha-Gal syndrome: new insights into the tick-host conflict and cooperation. Parasites & Vectors, 2019. 12(1): p. 154.

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