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Tiermodell Spitzmaus?

© Daniel Nobach

Tiermodell Spitzmaus?

Die Feldspitzmaus wurde als das Reservoir für das Bornavirus BoDV-1 ausgemacht. Doch ist die Spitzmaus im Großen und Ganzen noch immer in vielen Teilen eine Unbekannte. Innerhalb des Verbunds ZooBoCo erforscht ein Team aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, inwiefern sich Spitzmäuse unter Laborbedingungen züchten und so eventuell auch als Tiermodell etablieren lassen.

 

Bereits der Name ist irreführend: Die Spitzmaus gehört nicht zu den Nagetieren. Mit der Maus ist sie nicht näher verwandt. Ihren Namen verdankt sie also ausschließlich ihren äußeren Ähnlichkeiten mit jener. Jedoch wird sie in die Ordnung der Eulipotyphla – zu der beispielsweise auch Igel und Maulwürfe gehören -, früher Insektenfresser genannt, eingegliedert. Neben Insekten gehören unter anderem aber auch Regenwürmer, Weberknechte und Schnecken zu ihrer Nahrung. Ihre Familie ist in drei Unterfamilien mit rund 25 Gattungen und mehr als 350 Arten unterteilt.

Rund 170 Arten gehören dabei zur Gattung der Weißzahnspitzmäuse, die damit als artenreichste Säugetiergattung überhaupt gilt. Im zentralen Afrika kommen die meisten Arten vor. Drei Arten gibt es in Mitteleuropa: Die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon), die Hausspitzmaus (Crocidura russula) und die Gartenspitzmaus (Crocidura suaveolens).

Eine Forschergruppe rund um Prof. Dr. Christiane Herden (Interview in dieser Ausgabe des Newsletters) beschäftigt sich daher mit einer heimischen Art der Weißzahnspitzmaus. An der Justus-Liebig-Universität in Gießen in Kooperation mit Dr. Eickmann und dem Leiter der Tierhaltung Guido Schemken, Philipps-Universität Marburg, erforscht sie Möglichkeiten der Haltung und Zucht der Tiere, um spezifische wissenschaftliche Fragen beantworten zu können. Im besonderen Interesse steht dabei die Feldspitzmaus als Träger des Bornavirus BoDV-1. Bei einer infizierten Feldspitzmaus lässt sich das Virus in allen Organen nachweisen – ohne dass klinische Symptome bei dem Tier erkennbar sind.    

Bereits im Mai 2013 und Oktober 2014 wurden insgesamt 16 Feldspitzmäuse gefangen. Und schon hier fängt die Herausforderung an, denn vornehmlich gehen beim Fang Kleintiere wie Mäuse in die Fallen. Nur 1/10 der gefangenen Tiere sind tatsächlich Spitzmäuse. Darüber hinaus bedeutet der Fang für die Tiere Stress. 800 bis 1000 Mal pro Minute schlägt das Herz der Spitzmaus. Erschreckt sie sich, kann der Rhythmus auf 1200 Schläge ansteigen, was unter Umständen zu einem Schock mit Todesfolge führen kann.

Acht der Tiere waren bereits natürlich mit BoDV-1 infiziert. Dennoch konnte basierend auf den 13 verbliebenen Tieren eine bis heute bestehende wissenschaftliche Zuchtkolonie geschaffen werden, in der auch beständig Nachkommen gezeugt werden. Doch ist die Paarung bei Spitzmäusen in der Regel mit einem Jagdprozess verbunden. Die Größe der Käfige musste daher entsprechend gegeben sein. Trotz dessen zeigte sich ein eher geringes Nachwuchsaufkommen mit meist nur drei Tieren pro Wurf.

Der hohe Stoffwechsel der Spitzmäuse hat zur Folge, dass sie täglich mehr Masse an Nahrung aufnehmen als das eigene Körpergewicht beträgt. Die Nahrung in der Tierhaltung setzt sich aus Hühnerherzmuskel, Hühnerleber und handelsüblichen Pellets zusammen.

Die mittlere Lebensdauer von 752 Tagen entspricht weitestgehend derjenigen in freier Wildbahn. Die Weißzahnspitzmaus könnte sich also durchaus als neues Tiermodell etablieren. Welche Erkenntnisse sich dann über die Funktion des Immunsystems der Eulipotyphla und die Interaktion von Viren und Wirt ergeben, wird sich noch zeigen.   

Ein Paper zur wissenschaftlichen Diskussion über Zucht und Haltung von Spitzmäusen wird in kommender Zeit von der Gießener Forschungsgruppe eingereicht. 

 

Quellen:

  • Paper „Establishing a husbandry of the bicolored white-toothed shrew (Crocidura leucodon)“
  • https://www.biologie-seite.de/Biologie/Wei%C3%9Fzahnspitzm%C3%A4use
  • https://www.biologie-seite.de/Biologie/Spitzm%C3%A4use
  • https://www.biologie-seite.de/Biologie/Feldspitzmaus

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