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Zecken: „Eine Lebensform mit einem perfekten Bauplan“

© Lida Chitimia-Dobler

Zecken: „Eine Lebensform mit einem perfekten Bauplan“

Zecken und Zoonosen sind sein Fachgebiet. Wenn viele Menschen nach außen strömen, um den Frühsommer zu genießen, intensiviert er seine Forschung: Prof. Dr. med. Gerhard Dobler ist auf die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) spezialisiert. Er ist nicht nur Leiter der Abteilung für Virologie und Rickettsiologie am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München, sondern leitet auch das Nationale Konsiliarlabor für FSME. Mit dem interdisziplinären Verbund TBENAGER, kurz für Tick-Borne ENcephAlitis in GERmany, ist er Teil des Forschungsnetzes Zoonotische Infektionskrankheiten.

 

Wie kommt man auf die Idee, sich mit Zecken auseinanderzusetzen? Gab es eine Art Initialzündung hierfür?

Bereits in meiner Schülerzeit interessierte ich mich für Bakterien und Viren. Damals kaufte ich mir für 7,- DM ein Taschenbuch mit dem Titel „Arthropodenviren“. Darin las ich, dass es Viren gibt, die von Stechmücken und Zecken auf den Menschen übergehen können. Von da an war mein Interesse für zoonotische Krankheiten geweckt. Auch in meiner Studienzeit, während der ich immer das Ziel hatte, Virologe zu werden, habe ich mich durchgehend mit Krankheiten, die von Stechmücken und auch Zecken übertragen werden können, beschäftigt.

 

Was ist das besondere an Zecken?

Zecken sind die ältesten bekannten Vektoren. Sie sind vor 250 Millionen Jahren entstanden und haben sich seitdem fast nicht mehr verändert. Es scheint, dass diese Lebensform einen für ihre natürliche Umgebung perfekten Bauplan besitzt. Dass Viren diesen Vektor entdeckt haben, um von einem Wirbeltierwirt in einen anderen zu kommen, ist faszinierend. Was uns vor allem beschäftigt, ist die Frage, warum diese Viren den Menschen krankmachen.

 

Gehen Sie regelmäßig auf Zeckensuche?

Ja, natürlich. Wir sammeln im Jahr zwischen 30.000 und 50.000 Zecken in ganz Europa. Wir gehen in den allermeisten Fällen dorthin, wo wir das FSME-Virus erwarten. Insbesondere suchen wir den Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) und die Taigazecke (Ixodes persulcatus). Dabei gehen wir durch die Wälder und Auen mit einem Betttuch, das wir durch die Vegetation ziehen und an dem die Zecken haften bleiben. Wir sammeln die Zecken dann ein und untersuchen sie anschließend im Labor auf das FSME-Virus.

 

Welche Krankheiten können durch einen Zeckenstich übertragen werden?

Im Prinzip gibt es weltweit eine ganze Reihe von Erkrankungen. Bei uns in Mitteleuropa sind es in erster Line die FSME und die Borreliose. Aber auch andere Erreger wie zum Beispiel die Babesien, was malariaähnliche Erreger sind, lassen sich hier finden.

 

Ist ein Zeckenstich als solcher denn für den Menschen überhaupt bedenklich?

Abgesehen von einer eventuellen allergischen Reaktion ist der Zeckenstich für den Menschen ungefährlich. Im Endeffekt ist dies nichts anderes als ein Mückenstich – nur dass die Mücke kurzfristig saugt, die Zecke hingegen über mehrere Tage.

 

Wie hoch ist das Risiko, durch einen Zeckenstich eine Infektionskrankheit zu bekommen?

Für die jeweils einzelnen Infektionskrankheiten ist das sehr unterschiedlich. Wir wissen, dass in Deutschland in den FSME-Verbreitungsgebieten nur jede hundertste bis fünfhundertste Zecke FSME-Virusträger ist. Bei der Borreliose gibt es eine sehr viel höhere Trägerrate. Bis zu 30 Prozent der Zecken sind mit Borrelien infiziert. Generell gibt es ganz unterschiedliche Pathogene, die sich auch ganz unterschiedlich in der Zecke vermehren und dadurch auch in ganz unterschiedlichem Maße übertragen werden. Man muss das sehr differenziert für jeden einzelnen Erreger sehen.  

 

Seit wann ist das FSME-Virus und die damit verbundene Erkrankung beim Menschen bekannt?

Die erste klinische Beschreibung einer FSME stammt aus dem Jahr 1931 und wurde von dem österreichischen Internisten Hans Schneider publiziert. Ein Jahr später dokumentierte er sechzig solcher Fälle, die südlich von Wien im Bezirk Neunkirchen auftraten. Dieser Bezirk war das damalige Zentrum der Pechgewinnung für industrielle und medizinische Zwecke als Ölersatz. Die Pecharbeiter kamen durch ihre Arbeit in intensiven Kontakt mit dem FSME-Virus. Ohne zu wissen, mit welchem Erreger er es zu tun hatte, beschrieb Hans Schneider das Krankheitsbild und nannte sie die epidemische akute Meningitis serosa. In Österreich nennt man die Krankheit auch heute noch die Schneidersche Erkrankung. In Russland wurde das Virus dann wenige Jahre später durch zwei Virologen identifiziert als sie an einer oft tödlich verlaufenden Krankheit forschten, die russische Soldaten an der Grenze zu China bekamen. So entdeckten sie einen russischen Subtyp des Virus. Ende der 40er-Jahre wurde der europäische Subtyp zunächst in Weißrussland und dann auch in Tschechien nachgewiesen und charakterisiert.

 

Wie wird eine Zecke mit dem Erreger infiziert?

Die Zecke wird infiziert, indem sie das Virus aus Kleinnagern über das Blut aufnimmt. Die Kleinnager wiederum erhalten das Virus von der Zecke über ihren Stich. Wir sprechen hier also von einem Übertragungszyklus. Im Nagetier vermehrt sich das Virus und kann dann von einer Zecke wieder aufgenommen werden. In bestimmten Arealen wird dieser Kreislauf aufrechterhalten. Diese Areale bezeichnet man als Naturherde. An unserem Institut beschäftigen wir uns intensiv mit den Fragen, welche Struktur solche Herde haben, wie groß sie sind und welche Vegetation sie haben. Also mit der Frage, wie sich so ein Naturherd ausbilden kann. Solche Herde kommen nur in ganz bestimmten Arealen vor und haben die Größe eines halben Fußballfeldes.

 

Ist die Aufnahme von Blut für die Zecke an bestimmte Entwicklungsstadien geknüpft?

Die Zecken, von denen wir sprechen, sind sogenannte Dreistadiale-Zecken, das heißt, sie machen in ihrem Leben drei Stadien durch. Aus dem Ei entwickelt sich das Larvenstadium. Das Larvenstadium benötigt eine Blutmahlzeit, um sich in das Nymphenstadium zu entwickeln. Das Nymphenstadium braucht erneut eine Blutmahlzeit, um sich in das Erwachsenenstadium zu entwickeln. Die Weibchen benötigen dann das Wirtsblut, um im Anschluss Eier zu legen. Die Männchen saugen kein Blut mehr. Wenn sich die Larve bereits mit dem FSME-Virus infiziert, kann die Zecke auch in den nachfolgenden Stadien die Viren an einen Wirt abgeben.

 

Warum sind Zecken in manchen Regionen mit dem FSME-Virus belastet, in anderen hingegen nicht?

Im Grunde genommen ist das die Frage, an der wir forschen. Das Virus ist innerhalb eines bestimmten Areals über Jahre hinweg stabil. Schon hundert Meter von diesem Areal entfernt, sind die dortigen Zecken nicht mit dem FSME-Virus infiziert. Erst wenn wir verstehen, warum dieses eine bestimmte Areal mit dem Virus belastet ist und das andere nicht, haben wir die Möglichkeit, ein Auftreten vorherzusagen. Leider sind wir momentan noch nicht soweit. 

 

Breitet sich das Virus in Deutschland immer weiter aus?

Ein Landkreis, der mehr als einen Fall pro 100.000 Einwohner über einen Zeitraum von fünf Jahren meldet, wird als Risikolandkreis vom Robert-Koch-Institut definiert. Kein Risikogebiet heißt nicht, dass es die FSME dort nicht gibt, sondern sie ist in der Häufigkeit unter der RKI-Definition. Wir sehen immer wieder FSME-Fälle in Gebieten, die diese statistische Schwelle nicht überschreiten. Es ist daher relativ schwierig zu beurteilen, ob sich das Virus in den Norden von Deutschland ausbreitet. Was wir jedoch ganz deutlich sehen, ist, dass sich die FSME entlang des Alpenkamms ausbreitet. Hier lässt sich ganz klar sagen, dass teilweise Gebiete, die noch vor fünf Jahren praktisch FSME-frei waren, nun mit die häufigsten Fälle in ganz Bayern zählen. Das Vorkommen des FSME-Virus hat sich hier massiv verändert. Die FSME wandert in höhere Lagen in der Voralpenregion, auf ca. 600 oder 700 Meter. Gleichzeitig verschwindet sie in anderen Regionen vollständig, wie etwa in Unterfranken, was vor zehn Jahren noch ein Hotspot war. Entweder ist das Virus dort aus den Zecken verschwunden oder es ist für den Menschen nicht mehr infektiös. Das Vorkommen der FSME wird am Auftreten der Erkrankungen beim Menschen gemessen, was die Datenlage schwierig macht. Es gibt Gegenden, in denen wir das Virus finden, jedoch noch nie ein Mensch daran erkrankt ist.

 

Wirkt sich der Klimawandel auf die Zecken- und Virenpopulation aus?

Der Klimawandel ist sicherlich ein Aspekt, der hier wichtig ist. Nur unter bestimmten Temperaturbedingungen kann das Virus in Zecken und Nagetieren zirkulieren. Wenn das Klima sich erwärmt, sind diese Bedingungen in größeren Höhen gegeben und möglicherweise in niedrigeren aufgrund der zunehmenden Wärme nicht mehr. Für eine Viruszirkulation kann es in den Extremen zu kalt oder zu warm sein. So sehen wir im gesamten Küstengebiet des Mittelmeers trotz der dort vorkommenden Zecken keine Zecken, die das Virus in sich tragen.

 

Ist die Zecke im Hinblick auf zoonotische Infektionskrankheiten für Deutschland das, was für große Teile der Welt die Mücke ist?

Bisher ist es so, dass die Mücke in Deutschland für den Menschen eine sehr geringe Rolle bei der Verbreitung von Krankheitserregern spielt. In tropischen Ländern ist das natürlich ganz anders. Wobei man dazu sagen muss, dass man relativ wenig über das Erregervorkommen in Zecken in diesen Regionen weiß. In Afrika ist das sogenannte Afrikanische Zeckenbissfieber eine der häufigsten fieberhaften Infektionen überhaupt, die wir dort kennen. Mittlerweile wird das durch Zecken übertragene Fleckfieber auch von Urlaubern nach Deutschland eingeschleppt.

 

Wer einmal eine FSME-Infektion überstanden hat, ist danach sein gesamtes Leben lang immun. Weshalb muss eine Impfung gegen FSME immer wieder aufgefrischt werden?

Eine Infektion hat einen vollkommen anderen Immunstimulus zur Folge als eine Impfung. Die Impfstoffe, die wir momentan haben, sind Totimpfstoffe, also inaktivierte Impfstoffe. Ähnlich wie bei der Tetanus-Impfung muss man den Körper ständig mit diesen immunstimulierenden Substanzen in Kontakt bringen, damit er eine Immunantwort dagegen bildet. Bei einer FSME-Infektion werden so viele verschiedene Aspekte der Immunantwort aktiviert, dass der Körper es das gesamte Leben lang nicht mehr „vergisst“.

 

Lassen sich aus Alter, Geschlecht oder Vorerkrankungen Aussagen treffen, was den möglichen Verlauf einer Erkrankung angeht?

Kinder erkranken meistens milder als Erwachsene. Die Zahl der schweren Erkrankungen nimmt, soweit wir das momentan beurteilen können, in höherem Alter zu. Je älter man ist, desto schwerer wird tendenziell der Verlauf. Das heißt allerdings nicht, dass es im Kindesalter nicht zu schweren Verläufen bis hin zum Todesfall kommen kann. Was wir zunehmend sehen, ist, dass Menschen mit einer Immunschwäche ein höheres Risiko haben, schwer an FSME zu erkranken oder sogar zu sterben.

 

Kann eine FSME-Erkrankung Spätfolgen nach sich ziehen?

Es kann sehr schwere Spätfolgen geben. Ich erinnere mich an einen 16-jährigen Jungen, der ein Jahr nach einer sehr schweren Verlaufsform mit FSME noch immer in der Rehabilitation war. Für die Eltern war es schon ein großer Erfolg, dass er einen Arm und einen Fuß wieder bewegen kann. Solche Verlaufsformen gibt es leider. In etwa zehn bis 15 Prozent der schweren FSME-Fälle bleiben Restschäden – von Lähmungen bis zu psychischen Veränderungen.

 

Wird die Gefahr von Zecken als zoonotische Krankheitsüberträger unterschätzt?

In Deutschland ist die Gefahr sicherlich in weiten Teilen der Bevölkerung unterschätzt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass viele Menschen Zeckenstiche hatten, ohne eine Infektion zu bekommen. Statistisch gesehen muss man 100 Zeckenstiche haben, um mit dem FSME-Virus infiziert zu werden. Aber das ist ein rein statistisches Risiko. Die Personen, die es trifft, können sehr schwer erkranken.  

 

Was hat die Bundeswehr mit der Forschung an Zecken zu tun?

Der Dienstauftrag des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr ist der Schutz der Soldaten der Bundeswehr und der NATO vor biologischen Gefahren. Das FSME-Virus wurde während des Kalten Kriegs von russischer und amerikanischer Seite als biologischer Kampfstoff erforscht. Der eigentliche Grund, warum wir uns jedoch mit der FSME beschäftigen, ist aber, dass es ein Modellvirus für Enzephalitiserreger ist. Diese und hämorrhagische Fieber-Erreger stellen eine große Gefahr für den Soldaten dar. Das FSME-Virus ist daher für verschiedene Fragestellungen ein Modell.

 

Welche Vorteile bieten die Forschungsmöglichkeiten bei der Bundeswehr gegenüber zivilen Instituten?

Ein großer Vorteil ist, dass die Bundeswehr an dieser Forschung Interesse hat und wir damit eine Grundfinanzierung haben. Zecken sind ein Problem für die gesamte Truppe, weil jeder Soldat, der sich im Wald oder auf der Wiese aufhält, Zeckenstiche hat. Für die Bundeswehrführung ist von Bedeutung, wie man damit umgeht. Auch dafür entwickeln wir natürlich entsprechende Konzepte und beraten die Führung, wie man in Einsatzgebieten oder auch hier in Deutschland, etwa auf Übungsplätzen, gegen das Risiko, das von Zecken ausgeht, vorgehen kann.
 

Das Gespräch führte Christoph Kohlhöfer

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