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EHEC in Deutschland

Hintergrundinformationen zu den aktuellen EHEC-Infektionen

 - Aktualisierung zu diesen Hintergrundinformationen s. News vom 31. Mai 2011-

24. Mai 2011. Auffällig hohe Fallzahlen von Infektionen mit EHEC (enterohämorragischen Escherichia coli) bei Menschen in Deutschland versetzen das Robert Koch-Institut (RKI) dieser Tage in erhöhte Alarmbereitschaft. Zum aktuellen Zeitpunkt ist die Infektionsquelle noch nicht genau bekannt – Gemüse steht jedoch im Verdacht, Ursache für die Infektionen zu sein. Epidemiologen am RKI und in den örtlichen Gesundheitsämtern arbeiten intensiv an der Aufklärung des aktuellen Ausbruchs, der vermutlich Mitte Mai seinen Anfang nahm.
Die Zoonosenplattform stellt im Folgenden Hintergrundinformationen zu dieser zoonotischen Infektionskrankheit zur Verfügung.

EHEC – der Erreger
EHEC steht für entero-hämorrhagische Escherichia coli. Es handelt sich hierbei um Verwandte der bekannten, harmlosen Darmbakterien E. coli. EHEC besitzen jedoch sogenannte Pathogenitätsfaktoren und Toxine, das heißt krankmachende Eigenschaften und Gifte, die bei Menschen zu teilweise schweren Erkrankungen führen können.

Die Bakterien gehören zur Gruppe der STEC (Shiga-Toxin-bildenden Escherichia coli – auch Vero-Toxin-bildende Escherichia coli – VTEC genannt), deren Gifte Ursache für den Krankheitsverlauf sind. Es sind mehr als 60 sogenannte Serovare (d.h. Variationen dieser Bakterien-Unterart) bekannt, die durch molekular-genetische Untersuchungen im Labor unterschieden werden können. Am bekanntesten ist der Stamm O157:H7, wobei O und H für bestimmte Oberflächen-Strukturen des Keims stehen (O ist ein Zellwandprotein und H ein Flagellen-Antigen).

Die Bakterien sind sehr säurestabil, was bedeutet, dass sie auch in der Umwelt lange überleben können und im Magen, dessen saures Milieu zahlreiche Keime wirksam zerstören kann, nicht abgetötet werden. Dies führt dazu, dass selbst geringe Mengen von EHEC-Bakterien zu einem Krankheitsausbruch führen können.

  

EHEC-Infektion – das Krankheitsbild
Die Infektion mit EHEC äußert sich durch wässrigen Durchfall mit und ohne leichtem Fieber und Erbrechen. Bei den meisten Menschen klingen die Krankheitssymptome innerhalb einer Woche wieder ab. Nach Abklingen der Symptome können Patienten das Bakterium jedoch noch über Wochen (in seltenen Fällen über Monate) ausscheiden und Menschen in ihrer Umgebung anstecken.
Bei ca. 20 % der Erkrankten treten Komplikationen auf, die sich durch blutigen Durchfall bemerkbar machen. In diesem Fall sollte, laut Empfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Diese Anzeichen sprechen dafür, dass das sog. hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) eintritt, bei dem rote Blutkörperchen zerstört werden (Krankheitsbild der hämolytischen Anämie), Blutplättchen verbraucht werden und das Shiga-Toxin beginnt, die Nierenzellen zu schädigen. Durch die Nierenschädigung kommt es zu einer verminderten Ausscheidung von körpereigenen Abbauprodukten (sog. harnpflichtiger Substanzen), deren Anreicherung im Blut (Krankheitsbild der Urämie) und zur Verschiebung des Elektrolythaushalts. Dieser Vorgang kann zu lebensbedrohlichen Zuständen und Nierenversagen führen, der bei 10% der schweren Komplikationen zum Tod der Patienten führt. Für weitere 10-30 % der Patienten besteht die Gefahr einer dauerhaften Nierenschädigung.

 

EHEC- Infektion – Behandlungsmöglichkeiten
Laut medizinischer Fachliteratur (1) wird bei Patienten, die an einer EHEC-Infektion leiden, zunächst der Flüssigkeitsverlust ausgeglichen und der Elektrolythaushalt stabilisiert. Bei Entwicklung eines HUS muss häufig eine Dialyse durchgeführt werden, um das Blut von harnpflichtigen Substanzen zu reinigen. Bei schweren Verläufen ist eine intensivmedizinische Betreuung notwendig.
Im Fall einer Infektion mit EHEC wird in der Literatur eine Behandlung mit Antibiotika nicht empfohlen, da die damit verbundene Zerstörung der Bakterien zu einer weiteren Freisetzung größerer Mengen der schädigenden Toxine führen kann.

 

EHEC – woher kommen sie?
EHEC gehören zu einem geringen Anteil zu den normalen Darmbewohnern von Rindern, Schafen und Ziegen, aber auch Hirschen und Rehen. Diese Tiere erkranken üblicherweise nicht, scheiden den Erreger jedoch über ihren Kot aus. Menschen können sich durch direkten Kontakt bei diesen Tieren anstecken. Eine EHEC-Infektion ist also eine typische Zoonose.
Häufiger ist jedoch die Infektion durch kontaminierte Lebensmittel, die beim Herstellungs- oder Verarbeitungsprozess in Kontakt mit EHEC gekommen sind.
Hierzu zählen rohes Fleisch und Rohmilch (d.h. nicht pasteurisierte Milch) sowie Produkte aus diesen Lebensmitteln. Durch natürliche Düngung von Äckern können jedoch auch Obst und Gemüse mit EHEC kontaminiert werden und in die Lebensmittelkette gelangen. Der letzte beschriebene Übertragungsweg gilt derzeit als wahrscheinlichster im aktuellen Ausbruchsgeschehen, wobei das Obst oder Gemüse, das die Infektionen auslöste, noch nicht identifiziert werden konnte.
Außer durch Lebensmittel und Tierkontakt können Menschen sich auch über Schmierinfektionen von anderen Menschen anstecken.

 

EHEC – wie kann man sich davor schützen?
Der bekannte Spruch „Nach dem Klo und vor dem Essen: Händewaschen nicht vergessen“ kann, wenn er befolgt wird, vielen Infektionen vorbeugen – auch EHEC-Infektionen. Darüber hinaus gilt: Hände waschen, nachdem Kontakt mit Tieren bestand.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt für den aktuellen Fall, Obst und Gemüse gründlich abzuwaschen oder zu schälen.
Vor der Infektion mit EHEC kann man sich ebenfalls durch gute Küchenhygiene schützen.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat hierzu fünf Regeln formuliert:

  1. Sauberkeit (dies betrifft sowohl die Hände, als auch Flächen und Geräte bei der Essenszubereitung)
  2. Rohes und Gekochtes trennen (beispielsweise durch getrennte Lagerung und Verarbeitung auf verschiedenen Schneidebrettern, um eine Kontamination der Lebensmittel untereinander zu verhindern)
  3. Gründlich erhitzen (z.B. Fleisch und Essen vom Vortag; nur ausreichende Erhitzung tötet Krankheitserreger zuverlässig ab; für EHEC gilt: mind. 2 Minuten lang 70°C)
  4. Lebensmittel sicher lagern (z.B. im Kühlschrank und außerhalb der Reichweite von Haustieren)
  5. Sauberes Wasser und sichere Zutaten verwenden (Leitungswasser ist in unseren Breiten sicher und wird regelmäßig kontrolliert; weitere Zutaten sollten sorgfältig ausgewählt werden)

 

EHEC – wie können Menschen in der Umgebung von Patienten vor einer Infektion geschützt werden?
Derselbe Erreger, der bei dem einen eine eher harmlose Erkrankung hervorruft, kann bei einem anderen lebensbedrohlich sein. Besonders Kinder sind bei EHEC-Infektionen gefährdet. Daher muss eine Weiterverbreitung unbedingt vermieden werden. Durch entsprechendes Verhalten können auch Erkrankte die Weiterverbreitung beeinflussen.
Wer mit EHEC infiziert ist, sollte möglichst zu Hause bleiben. Der Erkrankte sowie die Menschen in seiner Umgebung sollten sich häufig die Hände waschen – in jedem Fall immer nach Toilettenbenutzung, vor dem Essen und beim Nach-Hause-Kommen.
Auf Rat des Arztes oder des Gesundheitsamtes kann es notwendig werden, die Hände mit alkoholischen Desinfektionsmitteln zu reinigen und auch Griffe, Flächen, Türklinken und häufig angefasste Gegenstände, beispielsweise Wasserhähne, im Haushalt gründlich mit Haushaltsreinigern zu reinigen und ggf. zu desinfizieren.

 

Aktuelle Forschung an EHEC und Umsetzung in die Praxis
Im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Zoonosenverbünde wird im Verbund FBI-Zoo, der sich der Erforschung lebensmittelbedingter zoonotischer Infektionen beim Menschen verschrieben hat, an EHEC geforscht.
Unter der Leitung von Prof. Dr. Lothar H. Wieler (Institut für Mikrobiologie und Tierseuchen, Fachbereich Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin),
der sich bereits im Rahmen seiner Habilitation mit Shiga-Toxin-bildenden Escherichia coli befasst hat, wird an neuen Typisierungsmethoden gearbeitet, um die Diagnostik zu verbessern und zu beschleunigen. Die Typisierung ist notwendig, um beispielsweise Infektionsverläufe in Ausbruchssituationen nachzuvollziehen. Zum aktuellen Geschehen gibt es noch keine verfügbaren Angaben zum Serovar. Für seine Arbeiten verwendet der Tierarzt Isolate aus Menschen und Tieren. Dadurch gelingt es erstmals, Daten aus Human- und Tiermedizin vergleichend zu bearbeiten. Diese und weitere Daten werden im Verbund-eigenen Datawarehouse gesammelt, das unter der Leitung von Prof. Dr. Dag Harmsen und Prof. Dr. Dr. Helge Karch (Institut für Hygiene, Westfälische Wilhelms-Universität Münster) aufgebaut wird. Karch betrachtet EHEC aus humanmedizinischer Sicht. Durch den Aufbau des Datawarehouse gelingt ein enger wissenschaftlicher Austausch innerhalb des Forschungsverbundes, an dem weitere 14 Partner mit ihren Teilprojekten beteiligt sind. Dieses Werkzeug kann bei Ausbruchsuntersuchungen wertvolle Hilfestellungen zur Identifizierung der Infektionsquelle leisten.

 

Neben der verbesserten Diagnostik ist auch die Prophylaxe ein wesentlicher Forschungsbereich. In den USA, Kanada und UK werden bereits Impfstoffe erforscht, die Rinder gegen bestimmte Oberflächenstrukturen von EHEC immun machen und somit eine Infektion verhindern sollen.
Laut Professor Wieler sind solche Impfstoffe ein wichtiger Ansatz zur Bekämpfung von EHEC-Infektionen beim Tier. Allerdings werden mit den derzeit existierenden Impfstoffen nur EHEC bekämpft, die einen Locus of Enterocyte Effacement (LEE) besitzen, da der Impfstoff vor allem Antikörper gegen diese Proteine hervorruft. Es gibt jedoch auch EHEC ohne LEE, die Ausbrüche hervorrufen können.

 
Weiterhin existieren Bemühungen, sogenannte Probiotika, also harmlose Fütterungsbakterien, bei Rindern einzusetzen, um die Besiedelung von Rindern mit EHEC zu reduzieren. Dies kann im Rahmen des Fütterungsmanagements in Rinderherden eingesetzt werden. Der Erfolg ist jedoch noch nicht wissenschaftlich belegt.

 

Autorin: Ilia Semmler für die 

Nationale Forschungsplattform für Zoonosen


Weitere Informationen zu EHEC im Internet:
Aktuelle Informationen des Robert Koch-Instituts zu EHEC

Verbrauchertipps zu EHEC vom Bundesinstitut für Risikobewertung

Verbraucherhinweise  der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Weltgesundheitsorganisation - WHO zu lebensmittelübertragenen Infektionskrankheiten

WHO-Poster: Fünf Schlüssel zu sicheren Lebensmitteln 

 

(1) Hahn, Falke, Kaufmann, Ullmann – Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie, 3. Auflage, Springerverlag


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