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Hund, Katze, Mensch: Die Krankheitserreger sind die gleichen

Interview mit Prof. Martin Pfeffer, Institut für Tierhygiene und Öffentliches Veterinärwesen der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig

Es ist schon mehrere Wochen her, dass Prof. Martin Pfeffer vom Institut für Tierhygiene und Öffentliches Veterinärwesen der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig die Tagung „Heimtiere und Zoonosen“ leitete. Doch noch immer findet sich die Botschaft der Tagung in den Medien, denn das Thema interessiert nicht nur Fachleute, sondern auch die breite Öffentlichkeit: Wenn der Mensch krank ist, dann könnte er sich bei seinem Heimtier angesteckt haben. Darauf sollten Ärzte und Tierärzte stärker achten.

 

Prof. Pfeffer, Sie forschen an Krankheiten, die sowohl den Menschen als auch das Tier betreffen können – wer von beiden steht Ihnen denn näher: Mensch oder Tier?

(Lacht) Das ist eine gemeine Frage an einen Tierarzt. Der müsste vom Berufsethos her natürlich „das Tier“ antworten, aber ich glaube, im Grunde meines Herzens bin ich da fast
näher am Menschen.

 

Ein Humanmediziner muss alles über den Menschen wissen und ein Tierarzt muss alles über das Tier wissen. Sie müssen die beiden Gebiete zusammenbringen. Wie machen Sie das?

Ich denke mal, der Tierarzt ist von seiner Ausbildung her prädestiniert, noch eine Spezies mit dazu zunehmen, denn wir lernen ja sehr viele Tierarten kennen. Vom Huhn über Nagetiere bis zu Hund, Katze, Pferd und Rind machen wir ja alles sozusagen. Ob da jetzt der Mensch dabei ist oder nicht, … (lacht). Nein, im Ernst: Es ist in der tatsächlichen klinischen Ausprägung, in der Infektiologie, in dem, was wir in der Zoonosen-Forschung machen, natürlich ganz wichtig, dass man mit Humanmedizinern zusammenarbeitet. Wenn man in der Infektiologie zu Hause ist, dann ist der Erreger ja immer der gleiche, aber die Ausprägung der Symptome, und wie sich die jeweilige Spezies infiziert, die sind oft anders. Ich habe einige Jahre in einem interdisziplinären Institut gearbeitet, wo wir uns sehr schön ergänzen konnten mit dem jeweiligen Fachwissen und wo wir sehr viel von einander lernen konnten.

 

Wie gestaltet sich denn Ihre Zusammenarbeit mit Humanmedizinern?

Wenn Humanmediziner und Tierärzte zusammenkommen und beide Seiten tatsächlich auch die Wertigkeit der Zoonosen-Forschung für die Humanmedizin bzw. die Tiermedizin zu würdigen wissen, dann ist das eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit...Ich denke, dass ich nur ein ganz kleines Licht bin und dass ich von jedem, mit dem ich rede, immer etwas lernen kann. Es ist für mich eine wichtige Voraussetzung, dass man sich ständig unterhält, vernetzt, philosophiert, austauscht. Weil daraus im Endeffekt ja die Konzepte erwachsen, die allen zugutekommen.

 

Sich unterhalten, sich vernetzen, ... wie machen Sie das konkret?

Auf vielen Ebenen. Das geht natürlich auf gemeinsamen wissenschaftlichen Veranstaltungen, weil man sich da trifft. Und geschieht in „parallelen Netzwerken“: Dass man sich z.B im Nagetier-Netzwerk trifft, in relativer Regelmäßigkeit, oder die Zoonosenplattform, die das jährlich netterweise organisiert, wo sich tatsächlich die ganzen Disziplinen treffen können. Aber natürlich auch auf einer kleineren Ebene: Wir haben z.B. hier in Leipzig einen kleinen Stammtisch, wo wir uns mit den Human-Virologen treffen und dann gemeinsam zum Abendessen gehen. Ich denke, es passiert so viel in der Welt, ständig, das kann ein Mensch nicht alles erfassen, abspeichern und entsprechend werten. D.h. wenn man die Chance nutzt, sich mit Kollegen auszutauschen, die das schon vorverdaut haben und einem entsprechend mundgerecht servieren, kann man nur gewinnen.

 

Sie haben neulich einen Workshop zum Thema „Heimtiere und Zoonosen“ veranstaltet: Haben Sie da ein bestimmtes Tier im Blick?

Wenn man normalerweise „Haustier“ sagt, dann meint man Hund und Katze, und das trifft auch für ca. zwei Drittel der Haustiere zu. Aber ein Drittel – und das ist nicht gerade wenig – sind ganz andere Tiere. Und dieser Sektor nimmt zu, aber er wird nicht entsprechend abgebildet in unserer Ausbildung, weil er noch sehr viel Unkenntnis beherbergt. Reptilien, Spinnentiere oder Fische: Je exotischer, desto besser, das ist momentan der Trend.

 

Welche Krankheiten können da übertragen werden vom Tier zum Menschen – oder umgekehrt, vom Menschen zum Tier?


 

 

Salmonellen auf Gassner-

und Rambach-Agar. Bild:
Dr. C. Werckenthin, München

 
  
 

Vieles wissen wir nicht, das müssen wir ganz klar zugeben. Ich denke, wir sehen jetzt erst die Spitze des Eisberges, wir beginnen erst zu verstehen, dass es solche Zusammenhänge gibt. Am besten ist es derzeit bei Salmonellen untersucht. Da gibt es Studien, wo tatsächlich eine ganz klare Assoziation zwischen exotischen Serovaren bei Salmonellen und der Haltung von bestimmten Reptilien festgestellt wurde: Man hat diese ungewöhnlichen Salmonellen-Serovare bei Kindern festgestellt und hat dann retrospektiv ermittelt, dass die meisten von ihnen auch ein spezielles Tier - in diesem Falle waren das Bartagamen - zu Hause hatten. Auch bei diesen wurden die Salmonellen gefunden, so dass ein kausaler Zusammenhang sehr wahrscheinlich ist.

 

Wie gefährlich ist das, wie krank macht das?

Salmonellen sind hauptsächlich verantwortlich für Durchfall, der in der Regel nicht lebensgefährlich ist, sondern nur unangenehm. Aber in der Diskussion darüber, wie gefährlich ein Krankheitserreger ist, muss man auch an anfälligere Menschen denken: Wir dürfen eins nicht vergessen: Dass wir uns in einer Gesellschaft bewegen, wo der Anteil der „YOPIs“ zunimmt. „YOPIs“ ist ein Akronym für „Young, Old, Pregnant, Immun compromised“. Mit YOPI sind also all die Menschen gemeint, die anfälliger sind und für die eine normalerweise eher harmlose Salmonellen Infektion z.B. gefährlich sein kann...

 

Aber es gibt ja auch viele Menschen die ganz gewöhnliche Heimtiere haben: Hund, Katze, Maus…ist da die Krankheitsgefahr geringer?

Bei jedem Tier gibt es Hygienemaßnahmen, die sie einhalten sollten. Das ist abhängig davon, wie Sie das Tier halten: Wenn Sie eine Katze haben, die als reine Wohnungskatze nicht rauskommt, ist das anders, als wenn Sie einen Freigänger haben. Mit so einem Freigänger kann man sich nun einmal bestimmte Endo- und Ektoparasiten reinholen in die Wohnung. Und dementsprechend ist eine vorbeugende Maßnahme, z.B. regelmäßig zu entwurmen oder im Sommer ein Ektoparasitikum zu applizieren, bei den einen notwendig und bei den anderen nicht. Es gibt sehr viele übertragbare Krankheiten. Zum Beispiel Toxoplama gondii, ein Erreger, der über Katzenkot auf den Menschen übertragen werden kann und der sich gerade bei Schwangeren auswirkt. Oder andere Erkrankungen, die durch Importhunde eingeschleppt werden. Sie glauben ja nicht, was alles illegal innerhalb von Europa von A nach B transportiert wird. Das ist ein Problem, weil wir uns exotische Infektionen ins Land holen.

 

Gibt es das, dass ein Tier den Menschen krank macht und dass der Mensch dann wieder das Tier krank macht?

Das gibt es rein theoretisch, aber ganz ehrlich: Wir haben keine Zahlen dazu. Wir haben im Endeffekt gar keine Möglichkeit, quantitativ den Übertrag in die eine oder andere Richtung zu benennen. Wir wissen aufgrund der Biologie der Erreger, dass von sämtlichen Infektionserregern zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Erreger das Potential haben, eben nicht nur eine einzige Spezies, sondern Mensch und eine Tierspezies oder mehrere Tierspezies zu infizieren. Das wissen wir von natürlichen, aber auch von experimentellen Infektionen. Wie häufig das tatsächlich stattfindet, z.B. in deutschen Haushalten, können wir aber nicht sagen. Denn die Interaktion zwischen den Meldewesen der Human- und der Tiermedizin gibt das nicht her. Es läuft momentan eine sehr große Studie, wo die Tierärztliche Hochschule Hannover erstmals versucht, das quantitativ zu erfassen.

 

Und was ist Ihr Spezialgebiet?

Ich beschäftige mich mit Infektionsketten von vektorübertragenen Infektionen. Also alles, was sozusagen über die Zecke, die Mücke, den Floh, die Wanze oder das Nagetier auf Menschen „niederprasselt“. Das finde ich interessant, weil es ganz andere Aspekte hat als eine Direktübertragung. Wir haben es hier mit Infektionen zu tun, die ganz andere Mechanismen und Wege gefunden haben,  über den Wechsel zwischen bestimmten Wirten, die den Menschen mit einschließen, sehr erfolgreich in der Natur zu überleben.

Da gibt es so viel, von dem wir überhaupt noch nichts wissen. Ein Beispiel: Wir haben einmal in Flöhen, die wir an Mäusen gefunden haben, nach Bartonellen geschaut, das sind intrazelluläre Bakterien. Da könnte man ja denken, dass es da bestimmte Wirtsassoziationen gibt oder bestimmte Vektorassoziationen. Oder man sollte zumindest annehmen: Wenn man eine bestimmte Flohspezies hat, und da findet man eine Bartonelle X drin und wenn diese Flohspezies an einem bestimmten Wirt gefunden wird -  dann würde man erwarten, dass der Wirt das gleiche hat,  wenn er positiv ist. Aber: Das ist bei weitem nicht so! D.h. wir finden hier die skurrilsten Muster und haben überhaupt keine Idee wie das alles zusammenhängt.

 

Ist noch mehr Gespräch zwischen Humanmedizinern und Tierärzten notwendig?

Auf jeden Fall. Ich denke, es ist nur ein bestimmtes Kollektiv an Humanmedizinern, eigentlich nur die Infektiologen, die das überhaupt auf dem Schirm haben. Es ist nur ein kleiner Prozentsatz an Kollegen, die das verinnerlicht haben. Aber der Hausarzt ist eben die erste Anlaufstelle, dem muss es klar sein. Genauso wie der praktische Tierarzt bei Zoonoseverdacht die Patientenbesitzer informieren muss.

 

Viel Erfolg weiterhin in diesem Dialog! Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Christina Sartori für die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen.



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