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„Ein Netzwerk lebt, wenn ein vertrauensvoller Umgang miteinander herrscht.“

Interview mit Dr. Rainer Ulrich, Koordinator des Netzwerks Nagetier-übertragene Pathogene, Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger am Friedrich-Loeffler-Institut, Insel Riems

Im Rahmen des Netzwerkes „Nagetier-übertragene Pathogene“ forschen Zoologen, Ökologen, Virologen, Mikrobiologen, Parasitologen, Genetiker, Epidemiologen, Forstwissenschaftler und Klimaforscher gemeinsam an zoonotischen Krankheitserregern und ihren Wirten. Dr. Rainer Ulrich vom Friedrich-Loeffler-Institut ist Initiator und Koordinator des Netzwerkes, das unter dem Dach der Zoonosenplattform vom BMBF gefördert wird. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit sind Hantaviren, die von Nagetieren auf den Menschen übertragen werden können.

 

Dr. Ulrich, wie gefährlich ist das Hantavirus?

Das kann man nicht pauschal sagen, denn es gibt verschiedene Hantaviren. In Nord- und Lateinamerika gibt es zum Beispiel sehr gefährliche Hantaviren, 40% der Infizierten versterben an einer Infektion mit diesen Viren. In Deutschland wurden verschiedene Hantaviren gefunden. Hier ist die häufigste Ursache einer Hantaviruserkrankung eine Infektion mit dem Puumalavirus, das von der Rötelmaus übertragen wird. Seit 2001 wurden über 8000 klinische Fälle registriert, zum Glück bisher ohne einen Todesfall. In Skandinavien wurden dagegen bereits Todesfälle beschrieben für Infektionen mit dem Puumalavirus.

 

 

   

Brandmaus

 

(Bild: Ulrike M. Rosenfeld)

 
Wie groß ist das Risiko einer Übertragung?

Das größte Übertragungsrisiko besteht wahrscheinlich in geschlossenen Räumen, wenn sich darin Virus-haltige Stäube befinden. Um das Risiko einschätzen zu können, muss man wissen, ob man sich in einer Region befindet, in der humanpathogene Hantaviren überhaupt vorkommen. Denn diese Hantaviren sind nicht homogen in Deutschland verteilt. Und weil diese Viren nur von bestimmten Nagetieren übertragen werden, ist auch nur dann von einem erhöhten Infektionsrisiko auszugehen, wenn sich in den Räumen solche Reservoirtiere aufgehalten haben oder aufhalten.

 

Seit 13 Jahren sind humane Hantavirus-Infektionen meldepflichtig. Kann man aus den Daten ableiten, wie sich die Zahl der Hantavirus-Infektionen in Zukunft entwickeln wird?

Man kann aus den Daten ablesen, dass es eine starke Oszillation der Zahl der gemeldeten Fälle gibt. Die bisherigen Zahlen für das Jahr 2014 deuten erneut auf eine sehr geringe Zahl von Infektionen hin, aber möglicherweise treten im nächsten Jahr wieder deutlich mehr Fälle auf. Was interessant ist: 2010 trat eine große Zahl von humanen Infektionen auf und zwar parallel in verschiedenen, voneinander unabhängigen Regionen. Man geht davon aus, dass eine wesentliche Ursache der Häufung humaner Infektionen eine Massenvermehrung der Rötelmaus ist. Dementsprechend müssten diese Massenvermehrungen parallel stattfinden. Das kann z.B. verursacht sein durch ähnliche klimatische Bedingungen und ein ähnliches Nahrungsangebot. Um diese Arbeitshypothesen zu überprüfen sind längerfristige Studien erforderlich; dafür arbeiten wir seit vielen Jahren sehr intensiv mit dem Julius Kühn-Institut in Münster zusammen.

 

Welche Frage wollen Sie mit dem Netzwerk beantworten?

Das sind viele Fragen, die wir uns hier stellen. Das sind zunächst sehr simpel klingende Fragen. Zum Beispiel geht es darum, die Wirtsspezifität bei verschiedenen Zoonose-Erregern zu erkennen. Für Hantaviren ist das schon recht gut untersucht: So wissen wir, dass das Puumalavirus in Deutschland mit der Rötelmaus und das Dobrava-Belgrad-Virus mit der Brandmaus assoziiert ist. Aber bei anderen Zoonose-Erregern ist das nicht so klar, z.B. bei verschiedenen bakteriellen Pathogenen, wie den Leptospiren. Ein weiterer, anwendungsorientierter Aspekt des Netzwerkes ist es, ein Frühwarnsystem für bestimmte Zoononose-Erreger zu entwickeln, um die Bevölkerung und die Gesundheitsämter rechtzeitig zu warnen, z.B. wenn eine erhöhte Infektionsgefahr zu erwarten ist. Daneben nutzen wir das Netzwerk, um nach neuen Krankheitserregern zu suchen, die als mögliche Modellerreger dienen können. Zum Beispiel waren wir im Rahmen einer Zusammenarbeit mit dem Institut für Virologie des Universitätsklinikums Bonn an der Entdeckung neuer Hepaciviren beteiligt. Dabei handelt es sich um Erreger, die mit dem humanen Hepatitis C-Virus verwandt sind. Unsere Hoffnung ist nun, dass wir gemeinsam mit weiteren Forschungsgruppen am FLI in Bonn und in Heidelberg ein neuartiges Tiermodell für das Hepatitis C-Virus entwickeln können. Das wäre ein wichtiger Schritt für die weitere Forschung zu diesem bedeutenden humanpathogenen Erreger.

 

Zu dem Netzwerk gehören viele Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Gebieten: Virologen, Klimaforscher, Ökologen, … wie kommt das?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Rötelmaus (Bild: Ulrike K. Rosenfeld)

 

Gerade diese Zusammenarbeit von Wissenschaftlern verschiedener Fachgebiete eröffnet uns die Möglichkeit völlig neue Einblicke in die vielfältigen Zusammenhänge zwischen Erreger, Wirt, Mensch und den verschiedenartigen biotischen und abiotischen Faktoren zu erhalten. Wir wollen u.a. wissen, wie sich klimatische Veränderungen auf zoonotische Erreger auswirken. Es ist zum Beispiel denkbar, dass sich der Klimawandel auf den Buchenbestand auswirkt. Das könnte zur Folge haben, dass sich für die Rötelmaus das Nahrungsangebot verändert. Und diese Veränderungen könnten sich wiederum auf die Population der Rötelmaus und so möglicherweise auch auf die Gefährdung der Bevölkerung auswirken. Außerdem wollen wir wissen: Wirkt der Klimawandel auch auf die Übertragungswahrscheinlichkeit? Etwa, weil die Durchschnittstemperatur sich ändert, günstiger oder ungünstiger für die Viren wird, oder weil sich die Niederschlagshäufigkeit ändert. Auch das wollen wir herausfinden. Dazu arbeiten wir beispielsweise mit Klimaforschern zusammen.

 

Und was machen Ökologen im Netzwerk?

Wir kooperieren seit vielen Jahren sehr erfolgreich mit Ökologen vom Julius Kühn-Institut in Münster. Die Kollegen beschäftigen sich schon seit einiger Zeit mit Veränderungen in Kleinsäuger-Populationen. Neben den möglichen Einflüssen klimatischer Bedingungen geht es hier auch um Habitatfaktoren, die einerseits die Nagetier-Populationen und andererseits deren Infektionsrate mit Erregern wie Hantaviren beeinflussen. Und wir kooperieren ja noch mit Wissenschaftlern weiterer Fachgebiete. Insgesamt kann man sagen: Wir bemühen uns in vielerlei Hinsicht Synergie-Effekte zu erzielen. Sei es, in dem wir Nagetierproben bereitstellen: Für Untersuchungen zu verschiedenen Erregern, zur Rodentizid-Resistenz bei Ratten und Hausmäusen und zu populationsgenetischen Fragen. Dadurch, dass wir die Proben bei uns in einer zentralen Datenbank erfassen, wird es in Zukunft möglich sein, mögliche Interaktionen verschiedener Erreger zu untersuchen.

 

Wie groß ist das Netzwerk?

Das ist schwer zu sagen: Es gibt eine Kerngruppe, die steht in sehr engem Kontakt. Da gibt es über den Austausch von Proben und Ergebnissen hinaus auch eine intensive konzeptionelle Zusammenarbeit. Hier sind vor allem Kolleginnen und Kollegen vom JKI, dem Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr, der Universität in Bern, der Universität Leipzig, der FU und HU Berlin, der Charité, dem Bundesinstitut für Risikobewertung, dem Robert Koch-Institut beteiligt ...– ich glaube, ich sollte hier aufhören. Und dann spricht sich das Netzwerk auch herum, dann wird man angesprochen, bei einem Kongress oder Workshop, „Können wir auch Proben für eine Untersuchung zu XY haben?“, und dann arbeitet man mal mehr oder mal weniger eng zusammen… Insgesamt kann man feststellen, dass das Netzwerk national aber auch international immer stärker eingebunden ist.

 

Wie genau sieht denn so eine Kooperation aus?

Manchmal haben wir Gäste im Labor, die für kurze Zeit bei uns mitarbeiten wollen, um bestimmte Techniken zu lernen. Dann gibt es die Workshops des Netzwerkes, auf denen die Teilnehmer ihre Arbeit in Vorträgen präsentieren. Die Workshops sind dann so angelegt, dass ausreichend Zeit ist, um sich im Anschluss an die Vorträge ausgiebig auszutauschen… und wenn man mit anderen eine gemeinsame Publikation schreibt, dann steht man halt in sehr engem Kontakt miteinander. Also, so ein Netzwerk, das lebt eben davon, dass man auf verschiedenen Ebenen zusammen arbeitet, dass man sich bei verschiedenen Anlässen austauscht. In jedem Falle setzt das aber ein sehr vertrauensvolles Verhältnis der Partner voraus.

 

Funktioniert das, wenn ein Virologe und ein Klimaforscher miteinander forschen?

In der Tat muss man manchmal einige Vokabeln abklären, weil die in den unterschiedlichen Disziplinen verschiedene Bedeutungen haben oder nicht bekannt sind. Aber das funktioniert! Ein wichtiger Antrieb in dem Netzwerk ist gerade der persönliche Enthusiasmus der einzelnen Beteiligten – wir haben alle großen Spaß an dieser Zusammenarbeit. Das führt dazu, dass man manchmal dann um 19.00 Uhr mit einem Kollegen telefoniert, über verschiedene Aspekte der Arbeit spricht und diskutiert, und dann sind plötzlich zwei Stunden um! Und man hat sich anregend unterhalten … Das ist immer sehr schön. Und das halte ich für sehr wichtig, damit ein Netzwerk bestehen kann. Ein Netzwerk lebt nur, wenn die Leute offen sind, alles diskutieren, wenn ein vertrauensvoller Umgang miteinander herrscht, weil man sich kennt, wenn für alle Beteiligten die Untersuchungen erfolgreich verlaufen und gemeinsam publiziert werden. In unserem Netzwerk funktioniert das und ich hoffe, das wird so bleiben!

 

Das hoffen wir auch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Christina Sartori für die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen.  



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12.-13.10.2017, Berlin

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